Rache ist weiblich oder: die getäuschte Liebe

von Maja Langsdorff [Werbung]
Teil 1 | 2 |

Komm ´rein. Es war ein kühler, seltsamer Empfang. Er hat Arbeit, anstrengende Arbeit entschuldigte sie ihn. Und sie brachen auf in diese schäbige, verrauchte Kneipe. Sie saßen sich gegenüber wie zwei Fremde. Er kalt, abweisend. Sie hilflos, verzweifelt. Und plötzlich erinnerte sie sich an jenen Abend in ihrer einstigen Stammkneipe. Was war denn los mit euch, hatte sie der Wirt beim nächsten Besuch gefragt, was war denn das für ein Typ? Ihr habt ausgesehen wie vierzig Jahre verheiratet. Sie hatte es verdrängt. Er beteuerte doch wieder und wieder, wie sehr er sie liebte, und dass es nur eine Frage der Zeit sein würde ... Hab Geduld, mein Häschen.

Heute war sie nicht Häschen, Bärchen, Liebes. Sie verließen das Lokal, und sie hoffte noch immer auf ein klärendes Wort, auf eine versöhnliche Geste. Er schleuste sie wie eine verbotene Ware in sein Appartement, verzichtete auf Licht im Treppenhaus. Es sind ja nur ein paar Schritte, lohnt sich doch nicht.

Gewalt, Gewalt - er hat mich vergewaltigt, dröhnte es Stunden später in ihrem Kopf. Was ist mit dir?, hatte sie gefragt. Er hatte gebrummelt: Ich bin müde, gehen wir ins Bett. Kaum hatte sie, Nähe suchend, nach seiner Hand gegriffen, wälzte sich ein schwerer, schwitzender Körper über sie, nahm sie in Besitz, presste sie mit rhythmischen Bewegungen in die Matratze, keuchte und stöhnte über ihr. Sie spürte Brechreiz und würgte.

Du liebst mich also noch?, fragte sie bitter danach. Das war's doch wohl, was du wolltest, oder?

Die Frau war fassungslos. Das nennst du Liebe? Er drehte sich weg. Du kotzt mich an mit deinem Liebesgedöns. Das mit uns ist doch längst passé, begreif es doch endlich. In dieser Nacht erfuhr sie, dass er längst eine andere hatte, kennen gelernt in der letzten Kur, dass er natürlich wieder mit seiner Frau schlafe. Natürlich. Dass er sie, seine Frau, liebe. Sie ist die Mutter meiner Kinder.

Es war Nacht. Die Frau saß noch immer am Tisch, leer das Glas und leer die Tablettenschachtel. Leer sie selbst, und doch von grenzenloser Ruhe erfüllt. Sie würde es überleben. Jetzt nur schlafen, schlafen, schlafen. Irgendwann würde sie aufwachen und sie anrufen. Sie, die andere Betrogene. Endlich spürte sie wieder Nähe. Nähe zu einer Frau, die sie nicht kannte, die sie noch nicht kannte. Es war Seine Frau.

Es war Abend. Sechzehn Jahre waren vergangen. Die Frau saß noch vor ihrem Computer, als das Telefon klingelte.

Erinnern Sie sich an mich? Der Frau fiel ein Foto ein, darauf zwei Jungen in kurzen Hosen. Er war der Kleinere gewesen. Sie hatte seine Kinder nur einmal im Leben gesehen, damals, als sie Ihn heimlich im Garten besucht hatte. Ich stell dich nicht vor, sonst erzählen die Jungs ihrer Mutter später nur was Dummes.

Erinnern Sie sich wirklich nicht? Ich war zwar klein, aber dumm war ich nicht. Doch, sie konnte sich dunkel erinnern. Der Junge war inzwischen fast 30, hatte sich mit Jobs über Wasser gehalten. Seine Leidenschaft war die Musik, seine Band.

Morgen? Sie spürte den Drang, ja zu sagen, gegen alle Vernunft. Nein, sagte sie, morgen geht es nicht. Sechzehn Jahre sind eine lange Zeit. Sie lebte in einer anderen Wohnung, mit einem anderen Mann, in einer anderen Welt.

Dann nächste Woche? Ich möchte Sie gern kennen lernen. Die Frau sagte ja und zweifelte an ihrem Verstand. Vielleicht ist es ein Verrückter.

Fast wäre sie wieder gegangen. Sie wartete in dem Bierlokal, fühlte sich an dutzendfaches Warten erinnert, wollte nicht wieder, wollte nicht länger warten. Trotzdem wartete sie, wartete wie damals. Zwanzig Minuten zu spät kam er auf sie zu.

Weniger als drei Stunden reichten, um bei der Frau die letzte Illusion zu zerstören.

Der Sohn war auf der Suche.

Ein Vater – was ist ein Vater?
Sein Sohn fragte seine Frau. Der Sohn war verzweifelt. Seine Frau schickte seinen Sohn zu einer Frau, die sie nicht kannte, die sie immer noch nicht kannte, nur einmal im Leben am Telefon gesprochen hatte. Damals hatte sie Nähe gespürt.

Er war ihm nie ein Vater gewesen.
Er
hatte ihn nie gelobt.
Er
hatte ihn nicht einmal wahrgenommen. Nicht ihn, nicht seinen Bruder. Das Geld für den Garten hatte er nicht aufgebracht.
Er hatte sie alle betrogen.
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Die Geliebte
Was es heißt, die Andere
zu sein
von

Maja Langsdorff

Kurzbeschreibung
Die moderne Geliebte führt, anders als die Mätressen und Konkubinen früherer Zeiten, ein Leben im Schatten. Dieses Buch schildert, wie die Geliebte des verheirateten Mannes unbemerkt in einen Teufelkreis aus Abhängigkeiten, Isolation und Heimlichkeit gerät. Daran haben auch neue Möglichkeiten der Kommunikation durch Internet und Mobiltelefon nichts geändert. Der "Frau im Schatten" sind die Hände gebunden - nach wie vor ist sie die ewige Wartende. Lust und Leid liegen bei ihr dicht beieinander. Geliebte sind Frauen im Zwiespalt: Das Paradies der gestohlenen Stunden wird mit Sehnsucht, Einsamkeit und Frustration erkauft. Maja Langsdorff hat mit hunderten von Frauen gesprochen, die als Geliebte leben oder lebten. Sie beschreibt die Lebenssituation der "perspektivlos Liebenden", ihren Leidensdruck, ihre unerfüllten Hoffnungen und ihre Träume. Das Buch zeigt Möglichkeiten auf, sich aus der Abhängigkeit zu befreien und nennt Adressen, wo Frauen Rat und Hilfe finden. LINK ZU AMAZON

Foto: Konstantin Gastmann  aboutpixel.de